Zum Artikel

Bitte geben Sie zur Anzeige des gewählten Artikels Ihren Benutzernamen und Passwort ein.

Dienst am Wort 1/2018

Zweiter Sonntag im Jahreskreis

Lesejahr B

Gottes Ruf hören und verstehen

Beitrag zur Lesung

Einführung

Ich kenne viele Menschen, die sich an Vergangenes erinnern und dadurch auch etwas von ihrem eigenen Leben verstehen. Durch Jesu Leben und Wirken für uns dürfen wir etwas von der Liebe und Güte Gottes zu uns erkennen und verstehen.

Predigt

Zum Text: 1 Sam 3,3b-10 (1. Lesung)

Damals und heute

Die Zeit des Propheten Samuel ist um das Jahr 1000 v. Chr. anzusetzen. Zu seinen Lebzeiten und in der Zeit seines Prophetenamtes beginnt die israelitische Königszeit mit Saul und David.

Warum aber lesen wir in der Messe Texte, die von Geschehnissen vor so langer Zeit berichten, aus einer Zeit, die wohl andere Erfahrungen und andere Probleme hatte als wir? Gibt es nicht heute genug ernst zu nehmende Texte über den Glauben auf dem Hintergrund unserer Zeit und unserer Problemlage? Ist nicht unsere Mentalität, Dinge zu betrachten, ganz anders als die alttestamentliche? Solche Fragen müsste man zustimmend beantworten.

Glaube und Geschichte

Das jedoch, was unseren Glauben ausmacht, beginnt nicht erst heute. Unser Glaube ist auch die Geschichte eines Erfahrungsprozesses bis tief ins Altertum hinein. Nun versteht sich schon ein Volk bzw. eine Nation generell nicht ohne seine Geschichte. Und eine Gemeinschaft oder ein einzelner Mensch versteht sich nicht ohne einen Kontakt zu seiner Vergangenheit, zu seiner Herkunft. Ohne kollektive oder persönliche Geschichte und Vergangenheit droht ihnen, dass sie zum Spielball des Augenblicks werden, nämlich zum Spielball derer, die sich als Mächte aufspielen, als Experten, als Meinungsführer und Trendsetter, als Gewalttätige. Es würde die persönliche und kollektive Erfahrung fehlen. Aber ohne die wäre die Einschätzung all dessen, was an einen herandrängt, nur schwer möglich. Dies trifft auch für den Glauben zu:

Wo der Glaube vom Weg Gottes mit den Menschen vor uns nichts weiß; wo er nicht wüsste, wie Gott auf das Wohl und Wehe, auf die menschlichen Höhen und Tiefen einging und sich erfahren ließ, da könnte man auch nicht einschätzen, wie Gott zu uns und unserer Zeit steht! Hoffnungen, worauf auch immer, wären nicht begründet. Vertrauen wäre ohne Boden. Man wäre allen religiösen Mutmaßungen und Ängsten ausgesetzt, ob sie nun aus einem selbst kommen oder von unserer Umwelt. Die Geschichte Gottes mit uns Menschen gibt dem Glauben eine Tiefendimension und einen Grund.

Samuel und Gottes Anruf

Dies rührt an die Umstände, die unserer Lesung von der Berufung des jugendlichen Samuel zugrunde liegen. Den Söhnen des Tempelpriesters Eli von Shilo waren Glaube, Gottesdienst und Opfer an dieser heiligen Stätte gleichgültig. Sie haben sich an den Spendengeldern für den Tempel bereichert. Sie haben mit Gewalt von den Opfergaben genommen und sind mit den Pilgern menschenverachtend umgegangen. Sie hatten vergessen oder wollten nicht mehr wissen, dass sich Gott an diesem Ort finden lässt - Gott, der einst Israel die Freiheit aus der Abhängigkeit und Knechtschaft einer fremden Macht ermöglicht hatte. In diese Situation hinein spricht Gott den jungen Samuel an! Wo die Welt des Menschen schwerwiegend nicht in Ordnung ist, mischt sich Gott in irgendeiner Form ein. Hier, indem er den jungen Samuel anruft und als seinen Propheten beruft.

Es ist interessant, wie sich dies abspielt: Den jugendlichen Samuel beunruhigt etwas. Es ruft ihn eine Stimme. Sie hat einen auffordernden Charakter. Doch weil sie so menschlich klingt, erhebt er sich und geht zu dem Menschen, der mit ihm im Tempel ist, zu Eli. Der schickt ihn wieder weg und bedeutet ihm, dass er sich getäuscht habe. Dreimal wendet sich Samuel in die falsche Richtung. Die Bibel kommentiert dies mit dem Satz: »Samuel kannte den Herrn noch nicht und das Wort des Herrn war ihm noch nicht offenbart worden.«

Also, wenn einer wach wird, weil er sich von etwas oder jemandem angerufen fühlt, und wenn er nicht darüber hinwegdösen kann, muss es nicht sein, dass er dies verstehen und richtig einordnen kann. Es gibt ja zum Beispiel heute nicht wenige Christen, die in ihrem Glauben in Ruhe gelassen werden wollen. Ihnen gehen die Anfragen und Zumutungen ihres Glaubens auf die Nerven. Sie sehen den Glauben eher als eine Weise, sich im Leben besser zu fühlen. Damit aber würde sich Glaube und Religion verändern - hin zu einer Bewusstseinsdroge gegen einen belastenden Alltag oder gegen Probleme mit sich selbst.

Die hilfreiche Erfahrung anderer Menschen

Der jugendliche Samuel hat Glück. Denn der Priester Eli kann ihm aus der Erfahrung des Glaubens Israels einen Weg weisen. Die Stimme, die Samuel in der gegebenen Situation immer wieder ruft, ist zwar in der Art dieser Welt. Aber der darin redet, ist Gott! Eli lehrt Samuel, richtig auf die Beunruhigung zu reagieren: »Wenn er dich wieder ruft, dann antworte: Rede, Herr, denn dein Diener hört.«

Und damit ist Samuel und sind wir zum Zentrum unseres Glaubens geführt. Dort steht nicht einfach ein Buch, sondern in der Mitte des christlich-jüdischen Glaubens steht zuerst ein Du, ein Gegenüber: der rufende Gott!

Seit der Geburt Jesu Christi hat das göttliche Wort eine Gestalt. Und was von ihm im Neuen Testament niedergelegt ist, wird nur verstanden im Dialog mit Jesus; in einer Antwort auf ihn, in einer persönlichen Bezugnahme.

Der Glaube hat also nicht zuerst damit zu tun, dass man ein Lehrgebäude bejaht, sondern dass man sich der Begegnung mit Gott persönlich öffnet. An Samuel sieht man, dass in einem Leben mit Gott nicht alles von Beginn an klar ist. Aber Samuel wird durch die Fehlinterpretation dessen, was ihn unbedingt anging, nicht abgestumpft. Er bleibt sensibel. Er lässt sich auf den Hinweis Elis, also auf eine vorgegebene Erfahrung, ein.

Einfache Fragen schließen so diesen Lesungstext auf: Was wird hier über Gott erzählt? Was wird von den betroffenen Menschen gesagt? Was wird darin mir gesagt?

Der Philosoph Edmund Husserl, dessen Assistentin übrigens Edith Stein war, hat als Grundsatz seinen Studenten empfohlen: Man solle sich dem, was man erkennen möchte, so lange aussetzen, bis man es sprechen hört!

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast gesagt: Bittet und ihr werdet empfangen, klopft an und es wird euch aufgetan. Darum rufen wir:

- Für die Kirche: dass sie dich bescheiden, aber furchtlos in den Umständen unserer Zeit bezeuge und verkünde. (Christus, höre uns. - Christus, erhöre uns.)

- Für die Menschen unserer Generation: dass sie die Botschaft Christi unter den aufdringlichen Stimmen und Parolen unserer Welt vernehme.

- Für alle, die dem Wort Christi vertrauen: dass sie gegen alle Widrigkeiten unserer Welt die Hoffnung auf das Leben durch den Glauben bewahren.

- Für uns selbst: dass wir mit Gottes Hilfe versuchen, uns in Menschlichkeit zu erneuern nach dem Beispiel Jesu.

- Für die Menschen, denen der Lärm und die dauernde Berieselung durch die Welt das Ohr für die Stimme Gottes betäubt haben.

Herr Jesus Christus, im Vertrauen auf dich gewinnen wir Leben und Zukunft. Dank sei dir und Ehre, heute und bis in Ewigkeit. Amen.

Johannes Jeran SJ

Zurück | Nach oben