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Dienst am Wort 1/2018

Dritter Sonntag im Jahreskreis

Lesejahr B

Gottes Stimme an einem ganz gewöhnlichen Tag

Beitrag zum Evangelium

Einführung

In den Schrifttexten geht es heute um Gottes Ruf und darum, dass wir Seine Stimme hören. Bereiten wir unsere Ohren, unser Herz und all unsere Sinne, damit wir Gottes Wort in uns aufnehmen »so, wie ein Jünger hört«. Rufen wir Gott an (mit den Worten Jochen Kleppers [Der am 12. April 1938 entstandene Text erschien unter dem Titel Morgenlied. Jochen Klepper beruft sich auf Jes 50,4-8: »Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre wie ein Jünger. Der Herr hat mir das Ohr geöffnet; und ich bin nicht ungehorsam und gehe nicht zurück. Denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht.« In Kleppers Tagebuch heißt es dazu: »[…] Ich schrieb heute ein Morgenlied über Jesaja 50,4.5.6.7.8, die Worte, die mir den ganzen Tag nicht aus dem Ohr gegangen waren.« Vgl. dazu: Jochen Klepper: Unter dem Schatten deiner Flügel. Aus den Tagebüchern der Jahre 1932-1942, hrsg. von Hildegard Klepper; Stuttgart 1956: Tagebucheintrag zum 12. April 1938, S. 577.]):

Kyrie-Ruf

Gott weckt mich alle Morgen; er weckt mir selbst das Ohr.

Herr, erbarme dich unser.

Gott ist mir täglich nahe und spricht mich selbst gerecht.

Christus, erbarme dich unser.

Sein Wort will helle strahlen, wie dunkel auch der Tag!

Herr, erbarme dich unser.

Liedvorschläge

Gesang zur Eröffnung

GL 392,1-3 »Lobe den Herren«

Antwortgesang mit Ruf vor dem Evangelium

GL 428,1-3 »Herr, dir ist nichts verborgen« oder

GL 781,3-6 (Diözesanteil Freiburg und Rottenburg-Stuttgart) »Gib mir den Mut, mich selbst zu kennen« und

GL 176/2 »Halleluja«

Gesang zur Gabenbereitung

GL 424,3.5 »Man halte nur ein wenig stille« oder

GL 425,4-5 »Du bist das Licht, schenkst uns das Leben«

Gesang zur Kommunion

GL 433 »Schweige und höre« (als Kanon)

Dankhymnus/Schlusslied

GL 392,4-5 »Lobe den Herren, der sichtbar dein Leben gesegnet« oder (am Abend)

GL 91,1-3 »In dieser Nacht, sei du mir Schirm und Wacht«

Tagesgebet

Liebender Gott,

du sprichst uns an - im biblischen Wort, in deiner Schöpfung, an Orten, die unsere Seele berühren.

Sei du auch jetzt und heute in unserer Mitte. Wecke uns auf, jeden Tag neu, damit wir dich suchen, still werden und deiner Stimme lauschen. Gib dich zu erkennen und lass uns dir vertrauen lernen und dir nachfolgen,

heute und jeden Tag neu bis in Ewigkeit.

Vorüberlegungen

Zum Text: Mk 1,14-20 (Evangelium)

»Jesus verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!« (Mk 1,14b-15) - eine geniale Zusammenfassung dessen, was Evangelium bedeutet. Alles ist bereits da, es gibt sie nicht mehr, die Zeit, denn sie ist erfüllt im immerwährenden Jetzt des Reiches Gottes. Wir (Menschen) haben zwar Ohren, hören aber nichts; wir haben Augen, sehen jedoch nichts. Die notwendige Kehrtwende fehlt, Umkehr und Vertrauen (Glauben). Jesus selbst ist bereits angekommen, wo alles (das Reich Gottes) bereits da ist: »Weil ihm alles gehört, der Himmel, die Seligkeit, das Reich, das er ansagt und darstellt, darum braucht er sich nicht festzuhalten.« [Vgl. Dorothee Sölle, Phantasie und Gehorsam, Stuttgart, 12. Auf lage 1988, S. 63.]

Jesus will uns anstecken mit Glück, dem Glück des Gottesreiches, von dem er selbst erfüllt ist. Wir jedoch bekommen es immer wieder mit der Angst zu tun, weichen zurück, wollen verstehen, wollen wissen, wie es ausgeht. Oft fällt es uns schwer, zu vertrauen. Wir warten auf Spektakuläres. Es kann doch nicht sein, dass Gottes Ruf so alltäglich daherkommt, dass sein Reich vor meiner Haustür beginnt und dass er in mir längst einen Ort hat, an dem er mich bewohnen will.

»Er spricht wie an dem Tage,

da er die Welt erschuf.

Da schweigen Angst und Klage;

nichts gilt mehr als sein Ruf!

Das Wort der ewigen Treue,

die Gott uns Menschen schwört,

erfahre ich aufs neue

so wie ein Jünger hört.

Er will, daß ich mich füge.

Ich gehe nicht zurück.

Hab’ nur in ihm Genüge,

in seinem Wort mein Glück.

Ich werde nicht zuschanden,

wenn ich nur ihn vernehm’:

Gott löst mich aus den Banden!

Gott macht mich ihm genehm!« [Vgl. Anm. 1.]

Predigt

»Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr, Gott hält sich nicht verborgen ...« [Aus: Jochen Klepper, Ziel der Zeit, Bielefeld, 3. Auf lage 1980, 46f.], so beginnt ein Lied des Theologen und Schriftstellers Jochen Klepper. Und dann heißt es da weiter: »Er ist mir täglich nahe.« Jochen Klepper spricht von Gottes Ruf, der jeden Morgen, täglich, sein Ohr weckt. Er spricht vom nahen Gott, der da ist, wo immer er, Jochen Klepper, ist, in seinem All-tag. Dieses Lied fiel mir ein bei der Beschäftigung mit den Schrifttexten für heute. Jona, den Sohn aus wohlhabendem Hause in einem kleinen israelischen Bergdorf, erreicht die Stimme Gottes ganz unspektakulär. Simon und Andreas, Jakobus und Johannes vernehmen Jesu Ruf beim Richten ihrer Netze. Keine außergewöhnliche Situation, kein heiliger Ort - ein ganz gewöhnlicher Tag.

Als Jona beinahe zugrunde geht, erneuert er seine Entscheidung »von Grund auf«:

»Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr. Gott hält sich nicht verborgen.« Von Jona - Sie kennen die Geschichte - wird uns erzählt, dass er sich zunächst heftig wehrt, zu fliehen versucht, in einen gewaltigen Seesturm gerät, über Bord geworfen und von einem Walfisch verschlungen wird. Erst hier - auf dem Grund des Meeres, tief unten, in der Krise - kommt er zur Besinnung. Als er beinahe zugrunde geht, erneuert er seine Entscheidung »von Grund auf«. Jetzt wird er Gottes Stimme folgen, nach Ninive gehen und die Stadt zur Umkehr aufrufen. Diesen kurzen Textabschnitt haben wir als Lesung gehört. Und siehe da: Jona, eben erst selbst umgekehrt, löst die Umkehr einer ganzen Stadt aus. Was nicht möglich schien - dass die Bewohner von Ninive, dieser verrufenen Stadt, sich besinnen könnten -, wird wahr. Sie hören auf Jona. Ich denke: Weil Jona selbst die Erfahrung einer radikalen Umkehr gemacht hat, kann seine Predigt in Ninive die Umkehr bewirken.

Von Jesus muss etwas ausgegangen sein, das absolut überzeugend war

Und die Jünger im Evangelium? Sie lassen alles stehen und liegen und folgen Jesus. Von Jesus muss etwas ausgegangen sein, das absolut überzeugend war. Ich stelle es mir in etwa so vor, wie es Dorothee Sölle einmal ausgedrückt hat: [Dorothee Sölle, Phantasie und Gehorsam, Stuttgart 12. Auf lage 1988, 63.] »Ich halte Jesus von Nazareth für den glücklichsten Menschen, der je gelebt hat. Jesus erscheint in den Evangelien als ein Mensch, der seine Umgebung mit Glück ansteckte, der seine Kraft weitergab, der verschenkte, was er hatte. Weil ihm alles gehört, der Himmel, die Seligkeit, das Reich, das er ansagt und darstellt, darum braucht er sich nicht festzuhalten. Von Christus ist zu lernen: Je glücklicher einer ist, umso leichter kann er loslassen. Seine Hände krampfen sich nicht um das ihm zugefallene Stück Leben. Da er die ganze Seligkeit sein nennt, ist er nicht aufs Festhalten erpicht. Seine Hände können sich öffnen.« Wundert es uns da, dass die Fischer alles liegen und stehen ließen, um Jesus zu folgen?

Gott bleibt der »ganz Andere«

Doch ist es damit getan? Sowohl die Erzählung von Jona als auch die Berichte über die Nachfolge der Jünger geben uns eindeutig zu verstehen, dass der Schritt zur Umkehr erst der Anfang ist. Von Jona wird erzählt, dass er sich ärgert über die Bewohner von Ninive, die jetzt auf ihn hören und Buße tun und deshalb von Gott gerettet werden. Jona wäre es lieber gewesen, dass Gott sich nach seinen Vorstellungen verhält. Er wünscht sich einen Gott, den er verstehen kann - einen kontrollierbaren Gott. Und die Jünger? Sie folgen Jesus - aber nicht bis zum bitteren Ende. Als es ihnen selbst an den Kragen geht, verlassen sie ihn, einer nach dem anderen. Erst verstehen sie ihn nicht mehr, dann vertrauen sie ihm nicht länger.

»Er will, dass ich mich füge. Ich weiche nicht zurück« (Jochen Klepper)

Im Lied Jochen Kleppers heißt es: »Er will, dass ich mich füge. Ich weiche nicht zurück.« Zur Umkehr müssen wir uns entscheiden. Den Weg der Umkehr aber wählen wir nicht. Für ihn gilt, was wir im Vaterunser beten: »Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.« Diesen Weg kontrollieren wir nicht, oft verstehen wir ihn nicht einmal. Unsere Aufgabe ist es, ihn zu bejahen. »Er will, dass ich mich füge. Ich gehe nicht zurück.« Das ist ein starkes Wort und ein Anspruch, vor dem wir oft zurückscheuen.

Ein Schatz, direkt vor unserer Nase, in unserem Alltag

Wenn wir nun von Jona, den Jüngern und von Jochen Klepper zu uns kommen, in unseren All-tag - wie sieht es da aus? Halten wir unser Ohr Gott hin, jeden Morgen? Lassen wir uns von ihm wecken, suchen wir ihn in unserem Aufwachen?

Vor einiger Zeit habe ich ein Buch gelesen, das mich angesprochen hat. Der Autor, Wunibald Müller, sucht darin Orte auf, die seine Seele berühren. Es geht ihm darum, zu erspüren, wo und wie wir Gottes Ruf hören lernen oder anders gesagt: an welchen Orten unsere Seele zu uns spricht. Ganz am Ende des Buches erzählt er von einem idyllischen Plätzchen, das er entdeckt hat, ein Ort, der seiner Seele guttut. Müller ist erstaunt, dass er diesen Ort, den er seit zwanzig Jahren kennt, erst jetzt entdeckt hat: ein Schatz, der direkt vor seiner Nase liegt, in seinem Alltag. Dort gilt es still zu werden, zu lauschen und aufmerksam zu sein - wie die Jünger, wie Jochen Klepper, alle Morgen. Wunibald Müller schreibt:

»Als ich an diesem Platz verweilte, wurde mir bewusst, wie viele Wege ich in meinem Leben schon eingeschlagen, wie viele Kilometer ich zurückgelegt habe in der Erwartung, meinen Schatz zu finden. Dabei weiß ich inzwischen - auch nach vielen Enttäuschungen und schmerzlichen Erfahrungen -, dass ich meinen Schatz nur finde, wenn ich unter meinem eigenen Haus nach ihm grabe. Je weiter ich von mir weggehe, desto mehr entferne ich mich von meinem Schatz. Das ist das Geheimnis der Menschen, die zufrieden und erfüllt ihren Alltag leben. ... Sie reiben sich nicht auf, verzetteln sich nicht im vergeblichen Bemühen, ihn woanders zu finden.« [Wunibald Müller, Auf der Suche nach der verlorenen Seele, Mainz 1999, 232.]

Fürbitten

Lebendiger Gott, du willst uns bewohnen und uns täglich nahe sein. Wir rufen zu dir:

- Wecke uns auf, jeden Morgen neu, und bestärke uns, dass wir dir in uns eine Wohnung bereiten. (GL 433 »Schweige und höre«)

- Hilf uns, dir jeden Tag aus Neue zu vertrauen, und nimm uns die Angst, die uns am Vertrauen hindert.

- Lass uns das Glück erspüren, das du selbst bist.

- Erfülle uns mit deinem Frieden und lass uns dein Reich entdecken in unseren Herzen und vor unseren Haustüren.

- Schenke uns die Gnade der Dankbarkeit.

- Lass unsere Verstorbenen dein Licht suchen und finden.

Liebender Gott, wir danken dir, dass du uns rufst und dass du uns hörst, heute und jetzt, bis in Ewigkeit. Amen.

Susanne Dörr

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