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Dienst am Wort 1/2018

Fünfter Sonntag im Jahreskreis

Lesejahr B

Zwischen Verzweiflung und Hoffnung

Beitrag zur Lesung

Einführung

Unsere deutsche Sprache ist voller Redensarten, die ihren Ursprung in der Bibel haben. Ein Beispiel dafür ist der Ausdruck »Hiobsbotschaft«. Man gebraucht es, wenn eine katastrophal schlechte Nachricht eintrifft. Das Wort geht zurück auf die alttestamentliche Person des Hiob - oder Ijob nach neuer Schreibweise. Es ist dies sicher eher eine literarische als eine historische Persönlichkeit. In dieser Person kristallisieren sich förmlich die bedrückendsten Grunderfahrungen des Mensch-Seins: der Verlust geliebter Menschen, materielle Not nach einer Zeit des Wohlstands, tiefste Niedergeschlagenheit, endloses Grübeln und damit verbunden der Zweifel an Gott und am Sinn des Daseins. Das Buch Ijob stellt viele Fragen und es ist sicher gut und richtig, dass es sich mit allzu schnellen und glatten Antworten weitgehend zurückhält.

Predigt

Zum Text: Ijob 7,1-4 (1. Lesung)

Alles nur eine Illusion?

Im Gespräch mit Menschen, die dem christlichen Glauben kritisch oder ablehnend gegenüberstehen, taucht immer wieder das folgende Argument auf: Christlicher Glaube, ja jede Religion schlechthin, sei doch nur eine Projektion unerfüllter Sehnsüchte und nichts als bloßes Wunschdenken. Statt hier und jetzt tatkräftig für eine bessere Welt einzutreten, verschwende man alle Energie an Wunschfantasien auf ein besseres Jenseits. Was sie dabei übersehen, ist zunächst einmal die Tatsache, dass uns in der Heiligen Schrift keine weltfremden Träumer begegnen, sondern sehr realitätsbezogene Menschen. Die Bibel erzählt meist von starken, zupackenden Persönlichkeiten, die es zu hohem Ansehen und durchaus auch zu materiellem Wohlstand gebracht haben. Ijob, der uns in der heutigen Lesung begegnet, war anfangs geradezu das Musterbeispiel eines erfolgreichen und angesehenen Menschen. Reichlich Besitz hatte er, Frau und Familie, dazu Mägde und Knechte. Doch dann kamen die berühmt-berüchtigten Hiobsbotschaften. In kurzer Zeit verlor er einfach alles. Seine Hoffnung, dass ein gottgefälliges Leben auch mit entsprechendem Wohlergehen belohnt werden würde, hatte sich nicht erfüllt. War er einer Illusion gefolgt?

Und folglich nichts als Verzweiflung?

Die Hoffnung, dass es doch noch einen glücklichen Ausgang geben könnte, diese Hoffnung hegt Ijob nicht. Wir erleben ihn vielmehr als einen Menschen, der die Schattenseiten des menschlichen Daseins kennt und sie schonungslos beim Namen nennt. In seinen Klagen ist die Rede von der grundlegenden Unfreiheit der menschlichen Existenz, von der Rastlosigkeit des Lebens, das trotzdem keine Früchte bringt und allzu rasch dahingeht. Die Sehnsucht nach einem Leben, in dem man aus dem Vollen schöpfen kann, bleibt unerfüllt. »Nie wieder schaut mein Auge Glück« - so lautet seine deprimierende Bilanz. Das ganze alttestamentliche Buch Ijob kennt unglaublich viele Klagen und Fragen, Vorwürfe an Gott, aber wenige und kaum überzeugende Antworten. Eine so unvollkommene und unheile Welt, in der auch Gerechte und Unschuldige leiden müssen, wieso lässt Gott die zu? Bedeutet dies alles, dass wir in und mit einer Welt leben müssen, in der Gerechtigkeit und Glück eben nicht vorgesehen sind? Können, sollen wir das aushalten?

Antworten, die nicht recht überzeugen

Ein späterer Bearbeiter des Buches Ijob konnte das offensichtlich nicht. So fügte er dem schon vorhandenen Text einen Ausklang bei, der sich fast wie ein neuzeitliches Happyend liest. Darin wird berichtet, dass Ijob nach der schweren Prüfung von Gott alles zurückerhält, ja sogar doppelt und dreifach. Dieser Ausgang hat etwas Rührend-Naives an sich. Gewiss zeugt er von dem tiefen Glauben, dass Gott sich letztendlich doch als der Gute und Gerechte zeigt. Nur wirklich zu überzeugen vermag das nicht. Die Realität zeigt zu oft, dass Gerechte leiden, ohne dass sie einen Ausgleich dafür erhalten. Und Ungerechte leben in Saus und Braus, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. So hält der harmonisierende Ausgang des Ijob-Buches den Angriffen moderner Religionskritik nicht stand. Auf der anderen Seite vertreten ja gerade Atheisten den naiven Glauben, es könne doch schon auf dieser Erde Glück für alle geben, wenn wir nur wollten. Aber die Erwartung eines irdischen Paradieses, in der alle materielle Not überwunden ist und alle seelische Leiden geheilt sind, genau das stellte sich ja immer wieder als schöne Illusion heraus. Die Kritik der Religionskritiker fällt also auf sie selbst zurück.

Leben in Hoffnung

Es hilft weiter, wenn wir die Klagen und Zweifel des Ijob, seine vielen bohrenden Fragen, ungeschönt stehen lassen. Genau dann können wir verstehen, als was sie gemeint sind: als Ausdruck des Elends menschlichen Lebens und als ein einziger Schrei nach Erlösung. Hier kommen wir nun zu dem einzigen Unterschied, der zwischen uns und Ijob und seiner Zeit liegt: Wir glauben, dass diese Erlösung schon geschehen ist. Nicht in der Form, dass sofort alle Not und alles Elend beseitigt worden wäre. Ijob und seine Klagen und Fragen sind und bleiben zu Recht Bestandteil der Heiligen Schrift! Aber wir leben in der Hoffnung, dass es eine Erfüllung unserer Sehnsüchte geben wird. Sie liegt in dem, was Jesus von Nazaret als »Gottes Herrschaft und Reich« verkündete. Nein, das ist keine rein innerweltliche Erlösung, und doch eine, die das »Hier und Jetzt« kennt. Jesu Botschaft ermuntert ja zu einer wenigstens partiellen, vorläufigen Verbesserung der Welt - getragen von der Hoffnung, dass von Gott her noch viel mehr zu erwarten ist.

Aber hält diese großartige Hoffnung der Kritik stand? Es gehört zum Wesen der Hoffnung, dass sie keine hundertprozentige Sicherheit im Sinn der Wahrscheinlichkeitsrechnung bieten kann. Wir bauen aber darauf, dass alles in unserer Welt - trotz ihrer Gebrochenheit - leben will und dass alles auf ein Ziel hin ausgerichtet ist. Deshalb leben wir Christen in der begründeten Hoffnung, dass unsere Welt auf eine endgültige Erlösung zugeht - wie sie in Jesus Christus schon Wirklichkeit geworden ist. Auf diesem Weg der Hoffnung werden wir Ijobs Klagen nicht überhören und verdrängen. Hoffnung soll uns beflügeln, uns dafür starkzumachen, dass es hier und jetzt etwas weniger Grund zu Schreien gibt.

Fürbitten

In den Sorgen und Nöten unserer Zeit wenden wir uns voll Vertrauen an unseren Herrn Jesus Christus, der diese Welt retten und vollenden will:

- Kriege und Naturkatastrophen führen immer wieder dazu, dass Menschen Familienangehörige und Freunde verlieren, dass sie um ihr gesamtes Hab und Gut gebracht werden. Steh ihnen bei in ihrer Not und in ihrer Verzweiflung.

- In vielen Ländern werden gerade die Menschen unterdrückt und verfolgt, die sich für Frieden, Gerechtigkeit und einen verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung einsetzen. Bewahre sie vor Resignation, mache sie stark in ihrem Eintreten für eine gerechtere Welt.

- Gerade dort, wo Menschen in Sicherheit und Wohlstand leben, sind sie oft unzufrieden und sie fragen nach Sinn und Ziel ihres Daseins. Lass ihnen Menschen begegnen, die sie für neue Aufgeben und Ziele begeistern können.

- Angesichts von Not und Elend in der Welt fangen Menschen an zu zweifeln und nicht wenige verlieren ihren Glauben. Sei ihnen nahe auf den Wegen, die sie gehen möchten, und bewahre sie davor, die Welt und die Menschen zu verachten.

Jesus Christus, du bist unser Herr und wurdest doch unser Bruder. Freud und Leid von uns Menschen hast du geteilt. Du gehst uns voraus auf dem Weg zum Vater, wo du lebst und herrschst in Ewigkeit. Amen.

Norbert Klinger

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