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Dienst am Wort 1/2018

Sechster Sonntag im Jahreskreis

Lesejahr B

Hauptsache gesund?

Beitrag zum Evangelium

Einführung

Wir kennen ihn aus den Evangelien als den, der Kranke heilt und machtvoll Dämonen austreibt, und wir rufen ihn deshalb an als unseren Heiland und Retter: Jesus Christus.

Doch dieser Ruf geht uns nicht immer leicht über die Lippen. Zu viele sprechen dagegen: die unzähligen Kranken, die unter ihren Schmerzen stöhnen, die vielen Behinderten, die nie eine Chance bekommen. Zu viele finden keine Heilung.

Kyrie-Ruf

Herr, Jesus Christus, geh nicht vorüber an der Not und dem Leid so vieler Menschen.

Herr, erbarme dich.

Sprich dein Wort, machtvoll gegen Krankheit und quälende Dämonen.

Christus, erbarme dich.

Wirke heilsam in unserer Welt und in unserem Leben.

Herr, erbarme dich.

oder:

GL 161 »Du rufst uns, Herr, trotz unsrer Schuld«

Tagesgebet

Gott,

der du redliche, ehrliche Herzen

als Bleibe suchst,

lass uns in deiner Gnade so sein,

dass du gern in uns wohnen magst.

[Alex Stock, Orationen. Die Tagesgebete im Jahreskreis neu übersetzt und erklärt. Regensburg 2011, 33.]

Liedvorschläge

Gesang zur Eröffnung

GL 393 »Nun lobet Gott im hohen Thron«

Antwortgesang mit Ruf vor dem Evangelium

GL 449 »Herr, wir hören auf dein Wort« mit GL 174/3 »Halleluja«

Gesang zur Gabenbereitung

GL 414 »Herr, unser Herr, wie bist du zugegen«

Gesang zur Kommunion

GL 210 »Das Weizenkorn muss sterben«

Dankhymnus/Schlusslied

GL 385 »Nun saget Dank und lobt den Herren«

Vorüberlegungen

Zum Text: Mk 1,40-45 (Evangelium)

Als lebendig Tote gelten Aussätzige: unberührbar, ausgegrenzt, ausgeschlossen. Der Aussatz ist ansteckend und seine Ursache ist nach rabbinischer Lehre die Sünde des Betroffenen. Vor beidem muss man sich schützen und den Kranken aussondern.

Jesus hat Mitleid mit dem Ausgegrenzten oder, wie es vereinzelt in Handschriften heißt, wurde zornig über die Ausgrenzung. Er heilt den Ausgegrenzten, um ihm den Weg zurück in die Gemeinschaft der Lebenden zu öffnen: »Schon die Berührung des Aussätzigen, durch die die heilende Kraft übertragen wird, ist zugleich auch Ausdruck dieses Willens Jesu zum Leben gegenüber aller Ausgrenzung und Abschreibung, die der vom Aussatz Gezeichnete erfahren hat« [Karl Kertelge, Markusevangelium (= NEB 2). Würzburg 1994, 29.]. Und Aussatz kann viele Gesichter haben mit der immer gleichen Wirkung.

Doch alle werden nicht geheilt, nur wenige. Immer wieder zieht Jesus weiter und verkündet die frohe Botschaft, sagt an das Reich Gottes, und: »Nimm dich in acht! Erzähl niemand etwas davon« (Mk 1,44). Die Wundererzählung soll nicht in den Vordergrund treten.

Doch der Geheilte hält sich nicht an das ihm auferlegte Schweigegebot, er wird zum Verkünder, »der bislang von der Gesellschaft Ausgeschlossene wird zum Verbreiter des Ruhmes des Wundertäters [...]. Der Geheilte macht durch sein Reden die Sache bekannt und wird zum Herold Jesu« [Joachim Gnilka, Das Evangelium nach Markus (Mk 1-8,26) (= EKK II/1). Zürich 1978, 94.]. Abgesehen davon, dass sich darin die spezifisch markinische Interpretation des Schweigegebots Jesu zeigt, Verhüllung drängt zur Enthüllung und Bekanntmachung: Hier liegt der Auftrag des Evangelisten an die Hörer und Leser seiner Erzählung - weitererzählen die frohe Botschaft vom Reich Gottes!

Predigt

Wie ein Lauffeuer ging es durch Kafarnaum

Überall ist die Rede davon, dass Jesus in der Synagoge einen Mann von seinem unreinen Geist befreit und dann die Schwiegermutter des Simon vom Fieber geheilt hat.

Da gibt es kein Halten mehr. Jetzt humpeln und kriechen und tasten sie sich aus den Gassen und Ecken hervor. »Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt« (Mk 1,33).

Wir ahnen gar nicht, wie viele Kranke es gibt. Herausgenommen aus dem pulsierenden Leben liegen sie in Krankenhäusern und Pflegeheimen, verborgen hinter den Haustüren unserer Wohnungen.

Aber jetzt kommen sie, wer nur immer gehen und stehen, sich herbeischleppen oder auf einer Bahre getragen werden kann. Alle wollen gesund werden. »Und Jesus heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten« (Mk 1,34). Endlich einer, der nicht nur Worte hat: Jesus spricht voll Macht. Jesus schenkt Gesundheit des Leibes, treibt alle möglichen Plagegeister aus. Ohne Verzögerung befreit er viele praktisch Tote von ihren heillosen Gebrechen.

Doch Jesus geht auf und davon:

»In aller Frühe, als es noch dunkel war« (Mk 1,35). Er ließ die Kranken stehen, geht einfach weg und lässt sie mit ihrer großen Hoffnung im Stich. Weg von Kafarnaum, predigt er in den Synagogen, treibt wieder Dämonen aus und heilt einen Aussätzigen. Aber wieder lässt er die vielen anderen Kranken, die von überallher zu ihm kommen, zurück und »hält sich nur noch außerhalb der Städte an einsamen Orten auf« (Mk 1,45) Warum? Warum bleibt er nicht und heilt weiter, bis es in Kafarnaum und den anderen Städten nur noch Gesunde gibt? Überhaupt: Warum macht Jesus nicht einfach alle Kranken gesund, auch heute? Warum gibt es so viele Menschen, die ihn um Heilung bitten, und er ist nicht da? Sicher, auch heute geschehen Krankenheilungen durch Christus, vielleicht mehr als wir vermuten. Aber ins Auge und in unser Herz sticht doch das andere: dass Kranke trotz allem Bitten und Flehen nicht gesund werden. - Warum?

Wir müssen bei diesem Warum vorsichtig reden, um nicht zynisch zu werden. Offenbar gibt es aber für Jesus Wichtigeres als Gesundheit. Vielleicht ist er sich darüber klar geworden, als er die Erwartungen der Menschen zu spüren bekam, die alle nur das Eine wollten: gesund werden! Vielleicht ist er sich darüber klar geworden, als er, noch während der Dunkelheit, aufstand und hinausging an einen einsamen Ort, um zu beten. Es scheint, dass in der Stille mit Gott eine Entscheidung gefallen ist in der Frage: Was braucht der Mensch, was brauchen wir im Leben am notwendigsten?

»Gesundheit natürlich...

... neben dem täglichen Brot«, antworteten wir wohl spontan. »Hauptsache gesund!« Machen Sie einmal den Versuch in Ihrer Familie, unter Freunden, bei sich selbst: Was ist das Wichtigste im Leben? Wir entscheiden uns fast einhellig für die Gesundheit. Begreiflich!

Umso unbegreiflicher, dass Jesus im Gebet mit seinem Vater etwas anderes in den Vordergrund stellt. Nicht Gesundheit, sondern das Reich Gottes ist das Wichtigste für ein Menschenleben. Und darum muss Jesus vor allem anderen dieses Reich ansagen, ins Werk setzen.

Als die Jünger ihn endlich finden und ihn, ganz aufgeregt, wo er denn nur bleibt, drängen: »Alle suchen dich!« (Mk 1,37), sagt Jesus: »Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen« (Mk 1,38). Und so lässt er viele wartende, hoffende Kranke umsonst warten, umsonst hoffen und zieht weiter, um das Eine zu tun, das notwendig ist, um anzusagen, für alle hörbar und sichtbar: »Das Reich Gottes ist nahegekommen. Kehrt um und glaubt an die frohe Botschaft!« (Mk 1,15).

Grausam! Unbegreiflich! Die Kranken einfach krank sein, die Totkranken einfach sterben zu lassen! Wo er doch anderes hätte tun können. Wie stünde das Christentum heute da, wenn Jesus den anderen Weg eingeschlagen hätte, wenn sein Wort alle gesund machen würde! Wir hätten die modernen Tempel der Gesundheit, die Arztpraxen und Kliniken nicht nötig, nicht die Strahlenabteilungen und Rehabilitationszentren; wir müssten weder von der modernen Medizin noch von dubiosen Quacksalbern Wunder erwarten. Das Christentum könnte den großen Wunsch nach Gesundheit erfüllen. Das füllte unsere Kirchen!

Doch so stehen wir an Krankenbetten, ...

... versuchen mühsam zu trösten, Hoffnung zu machen, zu beten, und es drückt uns fast das Herz ab, wenn der Kranke zwar geduldig zuhört, aber dann mit seinen Schmerzen und in seiner Todesangst doch sagt: »Gott hat mich vergessen! Er hört meine Gebete nicht!« Wir scheitern mit unserer Rede von der Gesundheit. Wir werden verlegen und wissen nicht, wie tun, wenn wir einem psychisch Kranken begegnen oder einem Rollstuhlfahrer über den Weg laufen. Und wir beginnen an Sterbehilfe zu denken, wenn wir in schmerzverzerrte, entstellte Gesichter blicken müssen. Abtreibung kommt uns in den Sinn, wenn wir verkrüppelte Kinder sehen oder solche, die ihre Bewegungen und Laute nicht kontrollieren können. Gesundheit ist eben doch das Wichtigste. Kranke geraten unversehens an den Rand dessen, was noch menschenwürdig ist.

Aber da müssen wir uns und den Kranken widersprechen! Jesus hat eine andere Botschaft:

Nicht die Gesundheit ist das Wichtigste

Das Wichtigste ist Gott und dass seine Vorstellung, sein Traum von menschlichem Leben sich ausbreitet und wirklich wird. Und womöglich wäre das noch lange nicht der Fall, wenn wir alle gesund wären.

Das können wir freilich einem Kranken glaubhaft und ohne sarkastisch zu werden nur sagen, wenn das Reich Gottes für uns selbst zur Hauptsache wird. Dann aber werden wir Leben nicht einfach mit Gesundheit gleichsetzen. Dann werden wir bei den Kranken und Behinderten, auch bei den Sterbenden sein und sie bei uns sein lassen als ganze Menschen, die selbstverständlich mit uns leben dürfen. Wir werden Liebe zeigen, die das Elend sieht und sich erbarmt, und Liebe üben, die den Nur-nicht-Gesunden, den Nur-nicht-Normalen erleben lässt: Du bist Mensch, bist liebenswert und gehörst zu uns. Natürlich werden wir helfen und alles tun, was in unserer Macht steht, um Krankheiten zu lindern und nach Heilung zu suchen, ohne jedoch an der Grenze des Möglichen zu zerbrechen. Jesus verfolgt zwar ganz seinen Auftrag und lässt die vielen stehen, aber den einzelnen Aussätzigen sieht er und hilft. Nur eines will er unbedingt vermeiden: dass er in den Ruf eines Wunderdoktors oder eines Gesundheitsapostels kommt und die falsche Vorstellung weckt, mit der Gesundheit wäre alles heil. Deshalb schärft er dem Aussätzigen ein: »Nimm dich in acht! Erzähl niemand etwas davon« (Mk 1,44). Deshalb flieht er die Menschen geradezu (Mk 1,45).

Gott will mehr als Gesundheit

Er will dieses Leben nicht bloß in die Ewigkeit verlängern. Solange der Mensch dem Mitmenschen noch Wolf ist, solange wäre ein ewiges Leben unter Wolfsbedingungen wohl die Hölle. Gott möchte auch unsere Verkettungen von Schuld und Hass und Unrecht durchbrechen, unser Leben nicht nur gesund machen, sondern heilen. Nicht nur schmerzfrei und ohne Hunger, vielmehr ohne Unrecht, ohne Gewalt, ohne Ausbeutung, ohne Lieblosigkeit sollen wir als neue Menschen leben können. Das ist das wirklich Not Wendende, das endlich Heilsame für uns.

Solches Leben kann bereits beginnen. Es soll bereits beginnen! Es beginnt, wenn wir als Schafe unter den Wölfen zu leben versuchen, das Reich Gottes zuerst suchen: »Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist« (Röm 14,17). Es kann beginnen mitten in Krankheit und Schmerzen, inmitten von Hilflosigkeit und Elend, wenn wir nicht mehr nur auf unsere Gesundheit starren, sondern in Krankheit und mit unseren Kranken die Hoffnung auf das Wichtigste festhalten: Gott selbst und seinen Willen, alles nicht nur gesund, vielmehr heil zu machen.

Fürbitten

Lasst uns beten zu Jesus Christus, unserem Retter und Heiland:

- Für alle, die krank sind und sich ausgeschlossen und nutzlos fühlen: Hilf uns über die Mauern unserer Berührungsängste und Gesundheitsideale. (Herr, erbarme dich deines Volkes.)

- Für alle, die die Hoffnung auf Heilung verloren haben: Zeige ihnen, auch durch Menschen, dass Leben mehr sein kann als Gesundheit.

- Für alle, die ihre Kraft und ihr Leben in den Dienst der Kranken und Behinderten stellen: Schenke den Ärzten, Schwestern und Pflegern Glaube, Hoffnung und Liebe, die sie für ihre Arbeit brauchen.

- Für die Sterbenden: Steh ihnen bei, halte sie in deiner Hand, heile sie und alle unseren Verstorbenen vom Tod und schenke ihnen dein neues Leben.

Guter Gott, du nimmst dich deiner Menschen an und schenkst uns Leben und Heil. Stärke unser Vertrauen in das verheißungsvolle Reden und Tun deines Sohnes heute und morgen, bis in deine Ewigkeit. Amen.

Clemens Stroppel

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