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Dienst am Wort 1/2018

Sechster Sonntag im Jahreskreis

Lesejahr B

Klein und fein oder allgemein

Beitrag zur Lesung

Einführung

Wir haben uns versammelt, um Eucharistie zu feiern. Es geht uns dabei um Gemeinschaft, um ›communio‹, um Kommunion mit Gott und miteinander. Wir sind heute hier mit allem, was uns bewegt und ausmacht: Dank und Lob, Bitte und Klage, Sorgen und Lasten. All das dürfen wir miteinander vor Gott tragen, denn er zeigt uns in Jesus Christus sein wahres Gesicht und Wesen: Er will uns stärken, trösten und aufrichten. Er streckt seine Hand nach uns aus, um uns zärtlich zu berühren und zu heilen, wo immer wir es nötig haben.

Predigt

Zum Text: Lev 13,1-2 (1. Lesung)

Krankheit und die Frage nach dem Warum

Es ist durchaus eigentümlich, aber irgendwie geschieht es immer wieder: Ich werde krank und frage sofort nach der Ursache. Ich bekomme einen Schnupfen und frage mich: Wo habe ich mich wohl angesteckt? Ich verletze mich beim Sport und suche die Ursache. Es wird bei mir eine schwerwiegende Erkrankung diagnostiziert und sogleich wird nach dem Warum geforscht: falsche Lebensweise, zu wenig Sorgfalt, mangelnde Kontrolle, familiäre Disposition, schädliche Einflüsse ...

Und manchmal taucht am Horizont auch die Frage danach auf, ob diese Krankheit vielleicht eine Quittung für irgendetwas sein könnte: für etwas, das ich angestellt habe; für irgendein Fehlverhalten, für ein Tun oder Unterlassen.

Gerade religiöse Menschen werden sich die Frage stellen, wie denn Gott wohl zu ihrer Krankheit steht. Will er mir damit etwas sagen? Ist das eine Botschaft an mich? Ein Anstoß, ein Fingerzeig, ja vielleicht sogar eine Strafe? Schickt Gott mir eine Krankheit, um mich damit zu bestrafen?

Tun-Ergehen-Zusammenhang

So alt die Geschichte des Menschen mit Gott ist, so uralt und quälend ist diese Frage: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem, was ich tue, wie ich lebe, und dem, wie Gott mich behandelt? So nach dem Motto: Wenn ich alle seine Gebote befolge und hundertprozentig Gottes Willen erfülle, dann öffnet er über mir das Füllhorn seiner Gnade. Meine religiöse Leistung und Anstrengung garantiert mir göttlichen Beistand und Segen. Irgendwie ein genialer Deal und ziemlich verlockend dazu. Leider funktioniert das so aber nicht.

Das können wir auf unserem ganz persönlichen Glaubensweg erfahren; das hat aber auch das Volk Gottes auf seinem großen Pilgerweg durch die Jahrhunderte immer wieder durchlebt.

Die Lesungen dieses heutigen Sonntags sprechen davon. In der Lesung aus dem Buch Levitikus klingt der Glaubenssatz nach, dass es einen direkten Zusammenhang gibt zwischen dem eigenen Tun und dem Handeln Gottes.

Vordergründig geht es um die Frage: Wie soll man mit einem Menschen umgehen, der an Aussatz erkrankt ist. Das eigentliche Thema ist aber nicht ›Krankheit‹, sondern ›Heiligkeit‹. Das Volk Israel hatte es so von Gott am Berg Sinai versprochen bekommen. Wenn das Volk den Bund hält, dann wird es von Gott geheiligt. Um den Erhalt dieser Heiligkeit geht es im priesterlichen Denken des Buches Levitikus.

Das genaue Einhalten der religiösen Gesetze und Vorschriften bewirkt den Schutz und Segen Gottes. Sie regeln haarklein das ganze Leben. Sie bestimmen, was erlaubt ist und was verboten, was nützlich und schädlich, was rein und unrein ist.

Darum muss alles ausgesondert werden, was nicht ›rein‹, nicht ›heilig‹ ist. Krankheiten sind ein Zeichen dafür, dass die göttliche Ordnung aus dem Gleichgewicht geraten ist, ja vielleicht sogar aufgehoben wurde. Eine Krankheit wie der Aussatz ist eindeutig ›unrein‹. Solch einem Kranken hat Gott offensichtlich ganz seinen Segen entzogen. Er gehört nicht mehr zur Gemeinschaft des Volkes, der ›Reinen‹, der ›Heiligen‹. Er ist offenkundig ein ›Sünder‹, ein Ausgesonderter. Und das soll man ihm schon von weitem ansehen und anhören, wie wir vorhin eindrucksvoll in der Lesung gehört haben: Er soll abgerissene Kleider tragen und das Kopfhaar ungepflegt lassen, er soll den Schnurrbart verhüllen und ausrufen: Unrein! Unrein!

Zusammenbruch dieses Zusammenhangs

Welch schreckliche Vorstellung: Ein kranker Mensch, ein Leidender, einer, dessen Leben aus dem Gleichgewicht gerät, der wird nun auch noch verstoßen. Der muss neben seinem körperlichen und seelischen Schmerz auch noch den sozialen und religiösen Schmerz ertragen. Er wird aus seinem sozialen Umfeld verbannt und er wird auch aus der Gemeinschaft mit Gott entfernt.

Irgendwie eine logische, eiskalte und grausame Folge, wenn man an diesem Glaubenssatz festhalten wollte, dass Krankheit eine Strafe Gottes sein könnte. Gott gleicht einem erbarmungslosen Buchhalter und der Mensch wird zu einer Art Marionette und dressierten Kreatur.

Übrigens wird dieses Verständnis von Krankheit als Bestrafung schon im alten Bund aufgebrochen. Das Buch Hiob ist hierfür ein eindrucksvolles Zeugnis.

Der Gott der Barmherzigkeit

Völlig durchbrochen wird es in den Worten und Taten Jesu. Davon haben wir vorhin im Evangelium gehört. Beide, der Aussätzige wie auch Jesus, durchbrechen die gesetzten Schranken. Der Aussätzige wendet sich voll Vertrauen an Jesus und Jesus berührt den Kranken voller Mitleid. Hier gibt es keinen Platz mehr dafür, dass Gottes Segen eine Belohnung für meine erbrachten Leistungen als Mensch sein könnte.

Sondern Gott wendet sich dem Menschen zu, weil er es will, weil er Mitleid hat und barmherzig ist. Diese Zuwendung geschieht aus Liebe und ist gratis. Sie geschieht ohne Gegenleistung.

Und noch etwas anderes ereignet sich: Jesus holt den Kranken zurück. Er durchbricht seine soziale Isolation und seine religiöse Ächtung. Der Kranke wird wieder Teil der sozialen und religiösen Gemeinschaft. Nicht mehr ausgesondert ist er, sondern zurückgeholt ist er, wieder ›rein‹ und ›heilig‹. Er soll sich zeigen und wird seinen Leuten und ihrer Sorge anvertraut.

Das oft so quälende Warum der Krankheit wird an dieser Stelle nicht beantwortet. Aber das Wie wird deutlich beschrieben: Zuwendung, Nähe, Berührung des Kranken und Leidenden, die Aufnahme und Annahme und das Mitgehen.

Im Handeln Jesu offenbart sich Gott auf unerhörte Weise neu als der ›Ich-bin-da‹. Das Geheimnis Gottes wird hier gewahrt, aber es wird nicht zu einem dunklen oder düsteren Bild, sondern es wird in der ausgestreckten Hand und in der zärtlichen Berührung zum Trost, zur Ermutigung und zu einer solidarischen Gemeinschaft, die neues Leben ermöglicht.

Fürbitten

Gott, in Jesus von Nazaret trittst du auf uns zu. In ihm richtest du uns auf. Höre unser Gebet:

- Für alle Getauften, die zu deinen Töchtern und Söhnen wurden: Lass sie dankbar in ihrem Leben die Spuren deiner Nähe und Gegenwart entdecken.

- Für alle Frauen und Männer, die in deinen Kirchen Verantwortung und Leitung wahrnehmen: Lass sie bei Herausforderungen nicht ängstlich zurückschrecken, sondern im Geist des Vertrauens und der Barmherzigkeit denken, planen und handeln und immer wieder Grenzen überschreiten.

- Für alle, die in der Politik den Menschen in unserem Lande und auf der weiten Welt dienen: Lass sie mutig und verantwortungsvoll ihre Kräfte einsetzen.

- Für alle, die von Zweifeln geplagt sind, die an die Grenzen ihrer Kräfte stoßen, die nach dem Sinn ihres Lebens suchen und unter Ausgrenzungen leiden: Lass sie Hilfe und Trost finden.

- Für alle, die an die Grenzen des irdischen Lebens stoßen, für alle, die die Schwelle des Todes überschritten haben: Schenke ihnen Frieden und unvergängliches Leben in Fülle.

Gott, du führst uns hinaus ins Weite und bleibst an unserer Seite. Dafür loben und preisen wir dich jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Christian Böckmann

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